10. Dezember 2012

10. Türchen am Adventkalender

 
Der Brief (Rudolf Otto Wiemer)

"So was gibt es?", sagt Lotzke, der nicht mal richtiger Briefträger war, nur Aushilfe. Er unterbrach das Sortieren und betrachtete den gelblichen, zerknitterten Umschlag. "Weg damit, was?" Wißler schielte über seine Brille. "Außerdem unfrankiert", sagte Lotzke und reichte den Brief über den Stapel der Postsachen herüber.
Wißler schob die Brille nach vorne. Er drehte den Brief, las die Aufschrift, lächelte.
"Na und?", fragte Lotzke. Er hatte sich eine Zigarette angezündet.
"Befördern", sagte Wißler. "Befördern? Sie sind putzig!"
"Zigarette aus", sagte Wißler. Lotke hob lässig die Achseln und drückte die Zigarette gegen das Tischbein. Wißler warf eine Handvoll sortierter Postsachen in den Hammelbeeker Sack.
Dann zog er ein großes, blau kariertes Tischtuch hervor. Er hatte Schnupfen, er hustete und die Grotjahn hatte aus dem Fenster gerufen, er solle lieber daheim bleiben, aber was wusste die Grotjahn schon davon, was Schnupfen ist und was Dienst. "Sie haben doch sonst alle Adressen im Kopf", sagte Lotzke rechthaberisch. Wißler war davon überzeugt, dass er den Schnupfen nicht gekriegt hätte, wäre er im Außendienst geblieben. Als Briefträger kreigt man keinen Schnupfen. Aber hier, in der Sortierstube, überheizt ist sie, dann geht die Tür auf, oder man muss zwischendurch in den Hof, das Auto ausladen. Nee, Wißler wird wieder Außendienst machen, das stand fest. Wißler sah gerade wie Lotzke den Brief in den Drahtkorb schmiss.
"Gib her", sagte er scharf. Lotzke bückte sich, fischte den Brief, der jetzt noch mehr zerknittert war, aus dem Abfall und warf ihn auf Wißlers Stapel. "Quatsch, so was", knurrte er.

Wißler glättet den Brief zwischen den Fingern und steckte ihn in die Tasche. Er sortierte weiter, bald in den Hammelsbeeker Sack, bald in den von Garmissen oder Strohmühle. Nach einer halben Stunde wurden die Säcke von der Stange genommen und rausgeschafft in die Autos.
Wißler stampfte den Schnee von den Stiefeln und ging langsam die Treppe hinauf; er keuchte.
Oben, vor der Tür des Vorstehers nahm er die Mütze ab. Malinowski saß am Tisch und frühstückte. "Was kaputt, Wißler?" "Nee, nur der Schnupfen, wissen sie."
"Na ja. Wir haben alle mal Schnupfen. Dafür ist Winter. Da kommt so was vor."
"Bei mir nicht, Herr Vorstehter. Ich habe in zwanzig Winter nie Schnupfen gehabt. Auch keinen Husten."
"Da wird es ja Zeit. Jünger sind  Sie schließlich auch nicht geworden. Oder passte die Tante Grojahn nicht genug auf?" "Frau Grotjahn? Was sollte die denn?"
Der Vorsteher schnitt ein Stück Wurst ab und schob es in den Mund. "Spaß natürlich, Wißler! Spaß muss sein!" Er wischte sich über die Lippen. "Soviel ich weiß hat Grotjahn den Mann verloren?"
"Vor zwei Monaten", sagte Wißler. "Keine Enkelkinder?"
"Das schon, aber alle außerhalb." Der Vorstehter spitzte ein Streichholz zu und stocherte zwischen den Zähnen. "Sie wohnen nebenan?" "Ja", sagte Wißler. "Und Ihre Frau ist doch auch - " Wißler nickte. "Na da könnte die alte Grotjahn doch mal bei Ihnen reinsehen. Ich meine nur so. Oder haben Sie jemanden?"
"Nein", sagte Wißler. "Wer kocht denn?" "Ich selber"; sagte Wißler.
"Und die Wäsche? Und einholen vom Kaufmann und heizen?" "Ich habe mich daran gewöhnt", sagte Wißler. Der Vorsteher betrachtete sein Taschenmesser. "Weshalb kommen Sie eigentlich?" Wißler druckste. "Na, was ist?" "Ich möchte wieder in den Außendienst, Herr Vorsteher."
"Was, Briefe herumtragen, bei dem Sauwetter, so kurz vor Weihnachten?"

Wißler blickte auf seine Mütze. "Solange ich im Außendienst war, habe ich mich nie erkältet. Es war auch schöner, so draußen herum. Von Haus zu Haus, man kommt mehr unter Menschen."
"Ihr Ernst, Wißler?" Wißler nickte. "Naja, wollen sehen was sich machen lässt, außerdem noch was?" Wißler griff in die Rocktasche. Der Vorsteher knüllte das Frühstückspapier in der Faust zusammen und setzte die Brille auf. "Unzustellbar?", fragte er, den Brief musternd. Gleich darauf lachte er "Tja wenn der nur hier wohnte!" "Vielleicht wohnt er ja hier", sagte Wißler. Der Vorsteher starrte den Alten verdutzt an. Schlecht rasiert, dachte er, verdammt blass, der war früher ganz anders. "Wohnt hier, sagen Sie? In der Garage! Oder im Holzschuppen!" Er griff nach dem Messer.
"Erst mal den Absender ermitteln." Der Vorsteher schnitt den Umschlag auf, zog den Brief heraus und faltete das Papier auseinander. "Ein alter Frachtbrief", sagte er enttäuscht.

"Drehen Sie mal um", meinte Wißler. Richtig, die Rückseite war mit Bleistift beschrieben. Schiefe Buchstaben in krakeliger Schrift. "Können Sie das lesen?", frage der Vorsteher, nachdem er eine Weile buchstabiert hatte. Ist ja alles klein geschrieben!"
Wißler schob die Brille vor und las. Halblaut las er, während der Vorsteher die Streichholzschachtel auf- und zuschob:
" - lieber gott, alle kinder haben eine großmutter, nur wir  nicht! bitte, lieber gott, wir wünschen uns eine großmutter. sie muss geschichten lesen und kuchen backen und stricken. eine richtige großmutter. die kinder aus der baracke."

"Kurios", lachte der Vorsteher. "Wozu die Post alles gut ist! Zeigen Sie mal her - sie muss Kuchen backen - na klar, und stricken - und da soll nun der liebe Gott...."
"Ja", sagte Wißler. Der Vorsteher griff wieder nach der Streichholzschachtel.
"Hatten wir nicht vor Jahren schon wo was? Warten Sie mal. Ja ich entsinne mich. Damals haben wir die Sache weitergeleitet. Ich glaube an die Kreisverwaltung. Nee, an die Mission. Ist auch egal. Kennen Sie die Baracke? Sieht es da wirklich so schlimm aus? Wie viele Kinder sind das denn?"
"Vier", sagte Wißler. "Und die Mutter?" "Tot. Der Vater ist Müllkutscher."
"Aha. Da sind die Bälger den ganzen Tag - "
"Genau so", sagte Wißler.
Der Vorstehter wendete sich ab. "Gut, ich werde den Brief weiterleiten. In Ordnung Wißler? Und über den Außendienst sprechen wir noch. Wie alt sind sie eigentlich?"
"Dreiundsechzig."
"Hm", machte der Vorster und zog die Uhr aus der Tasche. "Ich habe zu tun, Wißler." Der Alte räusperte sich. "Geben Sie mir den Brief." "Wieso? Was wollen Sie damit?
"Befödern." Der Vorsteher lachte, nicht ohne einen Anflug von Ärger. "Sie sind der geborene Briefträger, das muss man schon sagen! Da haben Sie den Wisch. Meinetwegen. Machen Sie damit, was Sie wollen! Geht zwar gegen die Vorschrift, aber vielleicht finden Sie ihn, den Adressaten! Außerdem, überlegen Sie mal, Wißler. Wo Sie doch neben Ihnen - nichts für Ungut, Wißler -."

Im Hinausgehen faltete Wißler das Papier zusammen und steckte es zurück in das Kuvert. Kein schlechter Vorschlag, dachte er. Die alte Grotjahn. Sauber ist sie und tüchtig. Noch gut auf den Beinen. Und allein ist sie auch. Wißler nickte befriedigt, als er nach Dienstschluss nach Hause ging, das heißt, er ging nicht gleich nach Hause, er ging ein Haus weiter. Dorte blickte er sich um, ob ihn auch niemand sähe. Dann klingelte er. Die alte Grotjahn öffnete nicht gleich. Endlich hörte Wißler sie durch den Flur kommen. Sie hatte die Ärmel hochgekrempelt. Ihr Gesicht glänzte. "Na was ist? Ich bin beim Backen, das siehst du doch!"
"Hast du einen Augenblick Zeit?", fragte Wißler. "Nee, nee, erst muss der Kuchen in die Röhre. Aber du hustest ja. Du machst doch nicht wieder Außendienst?"
"Nein nur heute. Und ich muss dich gleich sprechen." "Was Wichtiges?"
"Ich habe einen Brief für dich", sagte Wißler.
"Für mich? Wer soll mir den schreiben? Die Enkel doch nicht?"
"So was Ähnliches", sagte Wißler.
Die alte Grotjahn legte die Stirn in Falten. Sie wusste nciht, was sie von Wißlers Andeutung halten sollte. "Na hör mal. Willst du mich noch länger hier draußen -"
"Nee,nee", sagte die Grotjahn, "komm nur rein, rasch."
Wißler lächelte und klopfte den Schnee von den Füßen........






Du schöne, sel'ge Zeit 

( G. Oertel )

Nun nahst du segnend wieder,
du schöne, sel'ge Zeit!
Die alten Weihnachtslieder
erklingen weit und breit.
 
Erfüllt von Tannnedüften
ist alle Welt umher,
und aus den Winterlüften
klingt frohe Weihnachtsmär.

Wir sind so voll von Hoffen;
die Kinderherzen all,
sie seh'n den Himmel offen,
sie hören Engelschall.

Des Tages kleine Schmerzen
sind all zur Ruh gebracht,
lebendig ist im Herzen
der Traum der heil'gen Nacht.

Und liebe Bilder zeigen
sich uns im Christbaumlicht,
es lächelt aus den Zweigen
der Mutter treu Gesicht.

Ein ahnend süß Erinnern
nicht von uns weichen will.
Und drinnen tief im Innern
wird's still, wird's weihnachtsstill.

Drum sei gegrüßt uns wieder,
du sel'ge Weihnachtszeit!
Du bringst den Frieden nieder
in dieser Tage Steit.

Ihr Herzen all voll Bangen,
ihr Müden nah und fern,
o hört es: Aufgegangen
ist schon der Weihnachtsstern.
 
 
 
 
 
Herzlich Eure
 
Farbenzauberin

Kommentare:

  1. Liebe Farbenzauberin,
    danke für einen wieder so schönen Text und as schöne Gedicht!
    Ich wünsche Dir eine wunderschöne neue Woche!
    ♥ Allerliebste Grüße Claudia ♥

    AntwortenLöschen
  2. Was für eine schöne geschichte liebe Farbenzauberin und ein schönes Gedicht dazu, gerahmt von herlichen Fotos.
    Eine schönes Adventposting.

    Liebe Grüße und einen schönen Tag
    Angelika

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