17. Dezember 2012

17. Türchen am Adventkalender

 
Gefühle nach dem Kalender (Kurt Tucholsky)

Eigentlich ist es ja ein bisschen merkwürdig wenn nur noch wenige dünne Kalenderblätter den Abreißer vom 24. Dezember trennen, so senkt sich jenes weihnachtliche Gefühl auf ihn hernieder, das ihr alle kennt. Er wird ein bisschen weich, er wird ein wenig träumerisch und wenn der ganze Apparat des Einkaufs vorbeigeklappert ist, wenn all das Tosen und Wirken vorüber ist, dann saugt er doch an seiner Weihnachtszigarre und denkt sich dies und das und allerlei. Aber wie denn? Kann man denn seine Gefühle kommandieren? Kann man denn nach dem Kalender seine Empfindungen regeln?

Man kann es nicht. Der Schnurriker Mynona erzählte einmal die Geschite vom Schauspieler Nesselgrün, dem es plötzlich einfiel, sein ihm zustehendes Weihnachten im August zu feiern und unter unendlichem Hallo geht denn diese deplacierte Festlichkeit auch vor sich. Aber wir haben doch gelacht, als wir das lasen. Könnten wir anderen das aus? Es ist wohl nicht nur die Furcht, uns lächerlich zu machen - es muss auch noch etwas anderes sein. Der Grund, dass wir wirklich jede Weihnachten in jedem Jahr aufs Neue imstande sind, genau um den 25. Dezember herum die gleichen Gefühle zu hegen, liegt doch wohl darin, dass sie sich angesammelt haben.

Es muss doch irgendetwas da sein, das tropfenweise anschwillt, das ganze Jahr hindurch. Schließlich ist doch der Kalender etwas ganz Äußerliches, Relatives, wir sind in gewisser Hinsicht mit ihm verwachsen - aber die Zeit ist nicht in uns, wir sind in der Zeit. Und das kleine Blättchen, das den 24. Dezember anzeigt, ist kein Grund, es ist ein Signal und ein Anlass.
Ich habe immer das Gefühl, als ob wir jede Woche im Jahr weihnachtlichen Empfindungen genug aufbrächten - aber gute Kaufleute, die wir sind, legen wir sie "in kleinen Posten" zurück, bis es sich einmal lohnt. Im Dezember ist dann das Maß meist voll.



Ist es nicht schließlich mit jedem Gedenktag so? Warum sollen wir gerade am 19. an sie denken und warum nicht einen Tag später? "Heute vor einem Jahr-", ach Gott, entweder wir empfinden immer, dass sie auf der Welt ist - oder wir empfinden's am 19. auch nur konventionell. Gefühle nach dem Kalender - das geht nur, wenn der Kalender sie ins Rollen bringt. Gefühle nach dem Kalender...
Wir haben alle nur keine Zeit, um gut zu sein, wie? Wir haben alle nur keine Zeit. Und müssen tausend- und tausendmal herunterschlucken und herunterdrücken und sind vielleicht im Grunde alle froh, allweihnachtlich einen Anlass gefunden zu haben, den gestauten Gefühlen freien Lauf zu lassen.

Wer erst nach dem Kalenderblatt sieht, sich vor den Kopf schlägt und "Ach, richtig!", ruft - dem ist nicht zu helfen.
Vielleicht hat diese neue - ehemals große - Zeit manches am deutschen Weihnachtsfeste geändert. ich weiß nicht, ob's innerlicher geworden ist. Es täte uns so not - nicht aus Gründen der Religion, die jedermanns Privatsache ist - sondern aus Gründen der Kultur. Diesem Volk schlägt ein Herz, aber es liegen so viel Kompressen darauf....
Reißt sie ab. Wagt einmal geradeaus zu empfinden. Und wenn euch das Fest nach all dem, was geschehen ist, doppelt lieb, aber doppelt schwierig erscheint, dann denkt daran, wie ihr es im Feld gefeiert habt und wo - und denkt daran, wie es ein Halt gewesen ist gegen die Lasten des äußeren und innerern Feindes, und wie schon das Datum, wie schon der Kalender Trost war in verdammt schwarzen Tagen.
Und - weil wir hier gerade alle versammelt sind - denkt schließlicht und zu guter Letzt - auch an etwas anderes. Nach dem Kalender fühlen... Aber habt ihr einmal geliebt...?

Die Damen sehen in ihren Schoß und die Herren lächeln so unmerklich, dass ich von meiner Kanzel her Mühe habe, es zu erkennen. Also habt ihr geliebt und ihr - ich sehe keinen an -liebt noch.
Nun ihr Herren, und wenn sie Geburtstag hat? Nun, ihr Herren und wenn der Tag auf dem Kalender steht an dem ihr sie zum ersten Mal geküsst habt? Nun?
Ihr feiert das. Was im ganzen Jahr künstlich oder zufällig zurückgedämmt war - es bricht - wenns eine richtige Liebe ist - elementar an solchem Tag hervor aus tiefen Quellen.
Der Tag, der doch gleich allen anderen sein sollte, ist geheiligt und festlich und feierlich und freundlich - und ihr denkt und fühlt sie  - und nur sie. Nach dem Kalender?

Nicht nach dem Kalender - ihr tragt alle den Kalender in euch. Es ist ja nicht das Datum oder die bewusste Empfindung, heute müsse man nun.... Es ist, wenn ihr überhaupt wisst, was ein Festtag ist, was Weihnachten ist: euer Herz.
Lasst uns einmal von dem Festtagsrummel absehen, der in einer großen Stadt unvermeidlich ist. Lasst uns einmal daran denken, wie Weihnachten gefeiert werden kann, unter wenigen Menschen, die sich verstehen. Das ist kein Ansichtskarten-Weihnachten. Das ist nicht das Weihnachten des 24. Dezembers allein - es ist das Weihnachten der Seele. Gibt es das?

Es soll es geben. Und es gibt es auch, wenn ihr nur wollt. Grüßt, ihr Herren, die Damen, küsst ihnen leise die Hand und sagt ihnen, man könne sogar seine Gefühle nach dem Kalender regeln: zum Geburtstag, zum Gedenktag und zu Weihnachten, aber man muss halt welche haben.

(Quelle: Freude im Advent; Benno)



 
 
 
Weihnachtslied (Theodor Storm)
 

Vom Himmel in die tiefsten Klüfte
Ein milder Stern hernieder lacht;
Es brennt der Baum, ein süß' Gedüfte
Durchschwimmet träumerisch die Lüfte,
Und kerzenhelle wird die Nacht.

Mir ist das Herz so froh erschrocken,
Das ist die liebe Weihnachtszeit!
Ich höre fernher Kirchenglocken
Mich lieblich heimatlich verlocken
In märchenstille Herrlichkeit.

Ein frommer Zauber hält mich wieder,
Anbetend, staunend muss ich stehn;
Es sinkt auf meine Augenlider
Ein goldner Kindertraum hernieder,
Ich fühl's, ein Wunder ist geschehn.

 
 
 
Herzlich Eure
 
Farbenzauberin
 

Kommentare:

  1. weihnachten der seele, wie passend für dich meine liebe!!!!!
    herzlichst AnnA

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  2. Oh wie schön Du das erzählst liebe Farbenzauberin, ein weihnachtsmärchen das zu Herzen geht. Ein schönes Weihnachtsposting, danke.
    Liebe Abendgrüße
    Angelika

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  3. The picture of the snow heart is great, also your story is beautiful.
    Have a nice day, Irma

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